Dienstag, 25. November 2008

For your safety - Liverpool, Montag Abend

England ist ein Reiseziel, das seit einigen Jahren fest daran arbeitet, Antipathiepunkte zu sammeln, um etwaigem Liebäugeln mit dem Besuch der einen oder anderen britischen Großstadt Einheit zu gebieten. Die Rede ist von einer Überwachungsmanie sondergleichen, schließlich sorge man sich um die Sicherheit ihrer Bürger und Besucher. Um Vorbehalten, die man gegen England eventuell hege und pflege, endlich den Rücken zu kehren, möchte ich an dieser Stelle meinen kurzen Encounter mit Liverpool schildern. Auch den kritischen Zungen der Medienlandschaft sei ein entzündungsfreudiges Piercing gestochen, auf dass sie endlich die Klappe halten und zuhören lernen, wenn die britische Regierung CCTV und Co. mit Sicherheitsbesorgnissen argumentiert - ich fühlte mich nämlich in der Tat sehr sicher.

Kaum in der Stadt angekommen suchte ich wie so oft zuvor, zum Überprüfen lokaler Mountain Dew Vorkommnisse, einen Supermarkt auf, um dem Land im Zwiespalt zwischen einer Annäherung an Amerika und einer Wia-san-wia-Mentalität in diesen Belangen auf's Zahnfleisch zu fühlen. Kaum nach einer Minute im Laden spricht mich einer der drei Securities an ich müsse die Kapuze meines Hoodies vom Kopf geben. Ich frage nach einem Warum und er deutet auf eine der Überwachungskameras mit den Worten "It is illegal". Well of course, denke ich, wie dumm von mir! Wie kann meine Sicherheit gewährleistet werden, wenn man meinen Hinterkopf nicht sehen kann? Was, wenn ich etwa spontan eine Platzwunde an fraglicher Stelle bekäme? Und welche Meinung hier man wohl bezüglich Mützen vertritt. Oder gottbewahre, Toupets!

Ich strolle weiter durch die Stadt, an die Docks und wieder ins Zentrum, wo zum ersten (von drei) Mal ein Vehikel der Anti Social Behavior Task Force an mir vorbeifährt. Was verdächtig nach dem Bandbus einer Christen-Rap-Combo klingt ist in Wirklichkeit einer von vielen logischen Erweiterungen zu starren Überwachungskameras: ein Polizeibus mit montierten Kameras, der unentwegt seine Runden durch die jeweilige Stadt dreht. Einmal mehr bekomme ich schlagartig ein wohlig warmes Gefühl der Sicherheit in der Nackengegend und verspüre große Dankbarkeit.

Dass es trotz diesen Maßnahmen nicht gelang, mich vor einer potentiellen Gefahrenquelle - ein Jugendlicher, der neben mir in einer Bushaltestelle stoisch einen Joint rauchte - zu schützen, würde ich jedoch nie auf ein Versagen der Überwachungskameras zurückführen. Dass das geschilderte Szenario vor dem Hauptbahnhof der Stadt geschah, ein Ort wo ich viele Kameras vermuten würde, bedeutet ja im Endeffekt nur, dass diese nicht ausreichend sind und noch mehr her müssten.

Um anschließend die Wartezeit in windgeschützter Umgebung verbringen zu können, begab ich mich in erwähnten Hauptbahnhof und setzte mich. Sogleich stolzierte ein Polizist mit babykotzegelber Warnweste heran und fragte barsch "Why are you sitting here?". Ich erklärte, ich würde auf den Airport-Bus warten und er meinte, ich müsse dies draußen tun, sie würden jetzt schließen. Tatsächlich, ich warf beim Verlassen des Bahnhofs einen Blick auf die angeschriebenen Öffnungszeiten, wares es nur mehr 75 Minuten bis zur Sperrstunde, da kann es durchaus nicht schaden mit der Säuberung des Gebäudes von seinem Menschenbefall zu beginnen. Stutzig machte mich nur, dass andere Passanten allem Anschein nach noch nach freien Willen rein- und rausgehen, ja sogar sitzen durften.

Der wilde Gedanke, es könne etwas mit der Kapuze meines Pullovers zu tun haben, beschlich mich. Vielleicht war es ja auch nicht ich, um dessen Sicherheit man sich sorgte, vielleicht war ich ja die Gefahr? Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, aber das seien Verbrecher, zumindest spätestens vor Gericht dann, meistens auch nicht. Einmal mehr war ich dankbar für die Sicherheitsmaßnahmen, die ergriffen wurden um unschuldige Bürger vor meiner unbewussten schlummernden Gewalt zu schützen.

Dargebrachte Stunden mögen unter Umständen etwas negativ auf das Gemüt des Lesenden wirken. Ich versichere jedoch, das jeglicher zynischer oder sarkastischer Unterton vollkommen unbeabsichtigt ist und immerhin nahm der Ausflug in die Stadt mit einem Buschauffeur der mir die fehlenden 1,60 Pfund schenkte ein versöhnliches Ende. Und die Dame der Flughafensicherheit, die den Nacktscanner bediente, meinte mein Penis sehe heute vorzüglich aus.1 Ich bin guter Dinge.


1) Achtung. Kollege Kant meinte soeben, ich solle trotz offensichtlicher Fiktion des Satzes darauf hinweisen, etwaige Leser sollten sich von ihrer Unmündigkeit befreien indem sie am besten bei ihrer Naivität begännen.

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