Mittwoch, 15. Oktober 2008

Freunde

6:23 am Flughafen Frankfurt-Hahn. Ich sitze auf einen abgelegenen und somit geräusch- sowie menschenarmen Gang des Flughafens, "entlehne" mir Strom zum Laden meines Mp3 Players und beginne das Vorformulieren dieses Blogeintrages. Die letzten fünf bis sechs Tage waren gekennzeichnet durch viele liebe Menschen, ständiger Bewegung und verhältnismässig wenig Schlaf.

Mittwoch letzter Woche war ich zum ersten Mal auf diesen Flughafen irgendwo im Nichts von Deutschland. Ich hatte damals einen Bus nach Frankfurt genommen, bin dort im Halbschlaf am Cityairport anstatt dem Hauptbahnhof ausgestiegen und hatte nach dem Erreichen des Zentrums prominierend die, mit imponierenden Wolkenkratzer versehene Straßen dieser Wirtschaftsmetropole erkundschaftet.

Nach Mitternacht ist die Stadt gemessen an ihrer Größe doch etwas menschenleer, dann und wann wandeln einem wie in einem künstlerischen Cinema Nouveau Zombiefilm Hedge-fonds-lechzende Anzugsträger entgegen. Sie bilden die zweithäufigste Lebensform Frankfurt bei Nachts. Die häufigste sind Hasen. Und ich fühle mich einmal mehr in meiner These Hasen seien die neuen Katzen gestützt wenn keine zwei Meter von der Zeil1 entfernt ein halbes Duzend Hasen grasen sehe.

Findet man sich nach mehrstündiger Wanderung dann am Frankfurter Bahnhof ein bietet dieser zwar keine sanitären Einrichtungen (wozu auch, ist ja laut DB nur der bedeutendste Bahnhof bundesweit) dennoch genug Wege sich kreativ die Zeit zu vertreiben. Mein Favorit seit eh und je: der Briefmarkenautomat. Dieser ermöglicht einen den Centbetrag der Briefmarke frei zu wählen, gibt überschüssig eingeworfenes Geld in weiteren Briefmarken aus und sobald der gelangweilte Nerd entdeckt hat, dass die ersten 13 Nachkommastellen von Pi die Quersumme 65 ergeben was eben gerade den Betrag entspricht, der für eine Karte nach Österreich notwendig ist, wird dieser vom Automaten auch noch zu kleinen Logikrätseln, wie er wohl jetzt seine 5 und 10 Centstücke einwerfen werde um exakt die 13 Briefmarken zu bekommen die er wolle, beflügelt.

Nach mehrstündigen Herumlungern gehts dann aber irgendwann heimwärts wo mit den besten Menschen der Welt neue wertvolle Erkenntnisse gesammelt werden. Wie etwa dass das Tragen von kurzen Hosen bei Verkehrskontrollen einem einen Alkoholtest einfährt, das Südmährerkreuz bei dichten Nebel eindrucksvoller ist als untertags2, Erotikkinos mit freien Eintritt für Päärchen diesen nur für heterosexuelle welche limitieren und das Marimbaphone mit 4-5 Schlägeln gespielt werden.

Und während der Rückreise nach Schweden entdeckt man einen Weg die Bezahlinternetstationen des Flughafens gratis (zumindest ICQ) benutzen zu können und dass dieser Blog anscheinend auch in Deutschland gelesen wird. Zumindest hatte ich es als gezielte Provokation aufgefasst, dass mich, in Göteborg gelandet, eine Deutsche nach der hiesigen Zeitzone gefragt hatte. It's just not funny anymore.

Nichtsdestotrotz das Fazit der letzten Tage: es war gut, es war bombastisch. Danke an alle Mitwirkenden.

1) Frankfurter Pendant zur Kärnter-/Mariahilferstraße
2) tagsüber; für Leser aus Deutschland

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Politik

In einem Land wo der und seine Mannen die stimmenstärkste Partei bei den unter 30 Jährigen stellen darf es nicht verwundern dass nun allerorts Sehnsuchtsgedanken an einen Luftwechsel laut werden. Aus aktuellen Anlass werde ich nun also kleine laienhafte Einblicke in die Politik eines möglichen Auswanderungslandes geben, welches sich zwar nicht auf jeder Top-Liste wiederfindet, dennoch aber genügend Frischluft bieten sollte:

Schweden. Eine parlamentarisch-demokratische Monarchie, bei der sich des Königs Aufgaben seit Mitte der 70er nur mehr auf das Winken auf Postkartenbildern beschränkt. Zentrale Entscheidungen kommen von den im Reichstag, das Einkammern-Parlament (im Gegensatz zu Österreichs Zweikammersystem), vertretenen Parteien. Gewählt wird für gewöhntlich alle vier Jahre, die Auswahl ist jedoch umfassender als beim österreichischen Pendant.

Allen voran, und vermutlich auch am bekanntesten dürfte wohl die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Schwedens sein. Seit der Einführung des allgemeinen Wahlrechtes 1921 bekam man meist zwischen 40 und 50 Prozent Zuspruch der Bevölkerung, regierte manchmal alleine, manchmal als Minderheitregierung1 mit der Grün- und Linkspartei (vormals langjährige Kommunistenpartei), musste herbe Rückschläge einstecken und befindet sich seit 2006 seit 12 Jahren wieder in Opposition.

Abgelöst wurde ihre Vorherrschaft durch einen leichten Rechtsruck, der Allianz für Schweden. Was im ersten Moment nach einem Zusammenschluss schwedischer Superhelden klingt ist ein Wahlbündnis der "Moderata Samlingspartiet" (zu deutsch: gemäßigte Sammlungspartei, eine national-konservative Partei die nach katastrophalen Wahlergebnis 1970 einen wesentlich liberaleren Kurs einschlug und 2006 mit Frederik Reinfeldt den Regierungschef stellte), die Christdemokraten, die Zentrumpartei (eine bürgerliche, grüne Bauernpartei) und die Volkspartei (sozialliberale Partei mit ewig schwankenden Wahlresultaten).2

Bemerkenswert, neben einen 47% Frauenanteil von Abgeordneten, ist hier, wie es 4 Parteien schaffen miteinander zu regieren, wo dies in Österreich doch nicht mal zu zweit möglich sein scheint. Den obwohl es unumgängliche Differenzen zwischen diesen Parteien gibt scheinen sie ihre Machtposition nicht leichtfertig verspielen zu wollen, wie einige Male zuvor, in Zeiten in denen die Sozialdemokraten an Zuspruch verloren und sich genötigt sahen auf Wahlpartner zurückzugreifen oder in Opposition zu gehen. Meistens sah es dann nämlich so aus, dass sich "die Neuen" an der Macht schnell den Missmut der Bevölkerung zuzogen und diese bei der nächsten, spätestens übernächsten Wahl, wieder die Sozialdemokraten ins Amt wählten. Ein Missmut der durch die, mit steigernden wirtschaftlichen Problemen, übliche Herangehensweise an die Armut einiger Bürger und Berufsgruppen entsteht: bei 10 Bürgern wovon einer arm und die anderen 9 über ein gemäßigtes Einkommen verfügen, werden die 9 Bürger ärmer gemacht um eine verzerrte Balance zu kreieren anstatt das Einkommen des Einen zu stützen.

Und dennoch ist Schweden durchaus noch gerechtfertigt durch gute soziale Unterstützung ihrer Bürger über die Landesgrenzen bekannt und ruht sich nicht nur auf ihren Lorbeeren aus.

Vorausgesetzt man ist Schwede, zumindest
den rechtskonservativen Schwedendemokraten nach, die nächstgrößte nach den sieben momentan im Reichstag vertretenen Parteien. Erwähnenswert und für Schweden beinahe fast typisch, wenn leider auch nicht sonderlich erfolgreich, sind diese Herren. Abseids dieser gibts noch einen Haufen von Kleinparteien, die ich hier aber nicht mehr behandeln werde.

Stattdessen gibts zum Abschluss eine Auflistung aller sechs Volksabstimmungen der Geschichte Schwedens in chronologisch umgedrehter Reihenfolge:
2003 sprach man sich gegen den Euro als Währung aus, 1994 für die EU, 1980 entschied sich das Volk gegen Kernenergie3, 1957 für eine allgemeine Zusatzrente, 1955 gegen den Rechtsverkehr4 und 1922 stimmte das Volk knapp5 gegen die Prohibition.

EDIT: Wenige Minuten online und schon eine empörte Stimme, dass ich die Feministen vergessen hätte. Hier also ein Link dazu.


1) Minderheitsregierungen erfreuen sich besonderer Beliebtheit und hoher Vorkomniss in der Geschichte Schwedens, da keine aktive Entscheidung des Reichstages
für eine neue Regierung notwendig ist.

2) Die Zentrumpartei und Volkspartei sind im übrigen auch Teil der ELDR
3) Bis 2010 sollten alle Reaktoren stillgelegt werden - ein Beschluss der 1997 revidiert wurde.
4) Dieser bekam nur 15,5% Zuspruch bei der Bevölkerung und konnte erst 1963 im schwedischen Reichstag beschlossen werden.
5) 51 zu 49 Prozent gegen ein striktes Alkoholverbot.