Ich denke nicht, dass ich dieser Gruppe angehöre.
Um ehrlich zu sein, veranlasst mich eher eine Vorliebe für Digestion und die dafür benötigten menschgemachten Mahlzeiten und Gebräue wahnwitzige Wegstrecken zurückzulegen, sei es des amerikanischen Softgetränks zur Liebe oder etwa der schwedischen Falafelrulle, welche einfach kein nennenswertes österreichisches Pendant in den Rang eines ernstzunehmenden Konkurrenten, im Wettkampf um qualitativere Gaumenfreuden, erheben kann.
That's right. Ich reise um zu essen.
"So you're saying you drove 24 hours by train to get a falafel?"
"25 to be exact, but yes."
"Okay?... You really must love them falafels then. But how long are you staying?"
"Well, my train home goes at 2 am. Maybe."
"That's in what, 5 hours? ...You know you're crazy?"
"Maybe so. I like to believe I'm just a little stupid."
Emmas Freunde wissen nicht so recht wie sie auf den Fremdling reagieren sollen. Zuerst umarmt er alle ohne Vorwarnung, meint dann man mache das in Schweden so und lobt anschließend wirr und unzusammenhängend verschiedenste Nahrungsmittel in den Himmel.
Dann schon wieder mit Emma reden.
Emma ist eine Couchsurferin Anfang 20, die allen Anschein nach experimentelle elektronische Musik mag, zufälligerweise auch meine bevorzugte Stilrichtung, wenn ich das Bedürfnis verspüre, verwirrt da zu stehen und nicht zu wissen was eigentlich abgeht. Zugegeben gelang es mir dann doch mich für einige Lieder der Band Midaircondo zu begeistern, wenngleich ich mich unter Emmas Freunden, Freundesfreunden und aberdutzenden weiteren Göteborgern gelegentlich doch etwas fehl am Platz fühle.
Das Göteborg Kulturkalas, ein sechstägiges Musik- und Kulturevent in ganz Göteborg und ich mittendrin.
Im direkten Vergleich zu den vorhergehenden Stunden ein schier unglaublicher Anstieg an Passanten, war ich ja am Nachmittag im Auslandswohnort der letzten vier Monate 2008, Borås, angekommen um mit der begehrten Falafelrulle meine, wenngleich kurzweilige und von Nostalgie durchtriebene, Wiederkehr würdig zu zelebrieren.
Verändert hatte sich kaum etwas. Das beschissene Wetter zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht und auch der Statuensammelobsession der Stadt wurde in den letzten 8 Monaten keinerlei Wegrationalisierungsmaßnahme zuteil - au contraire, Statuen der Marke "komischer-Kerl-mit-Teppichen-im-Jutesack" sowie "vermutlich-krankhaft-fettleibige-nackte-Frau" ließen mittlerweile die Herzen hiesiger Statuenfetischisten höher schlagen. Man prominierte durch vertraute Gässchen, Straßen, Abseitswege und Parks, deckte sich mit allerlei Leckerlis ein und machte sich dann am Weg nach Göteborg.
Jene Zugfahrt nach Göteborg sollte zugleich die letzte sein, welche reibungslos verlaufen sollte. Denn kaum war ich die Heimreise angetreten, mit etwas mehr Glück wär ich in 21 Stunden in Wien gewesen, zeichnete sich eine typisches Ärgernis der Interrailerei ab: Alles geht in Arsch.
Das Problem mit langen Strecken ist ein unvermeidbares, mehrmaliges Umsteigen und der damit verbundene Nervenkitzel bei Zugverspätungen ob man diesen und jenen Folgezug wohl noch erreichen wird. Kurzfristige Routenänderungen2, spontane Temperamentsausbrüche, Niedergeschlagenheit und irrationale Motivationsschübe vorprogrammiert.
"Sehr geehrte Damen und Herren. Aufgrund eines unvorhersehbaren Zugdefekts in Dänemark hat unser Zug momentan 110 Minuten Verspätung. Wir entschuldigen uns für etwaige Unannehmlichkeiten und werden Sie laufend über mögliche Anschlusszüge informieren."
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir bereits mit Hilfe des Herrn Richard einen Plan B zusammengestellt, welcher durch die dann doch unerwartet hohe Verspätung zu nichte gemacht wurde und es somit besiegelt war, dass ich an diesem Tag nicht mehr nach Wien kommen würde.
"Sehr geehrte Fahrgäste. Aufgrund der hohen Verzögerung unseres Zuges, bedingt durch einen Zugdefekt in Dänemark, können Sie sich ab sofort gegen Vorlage ihrer Fahrkarte ein alkoholisches Frei-Getränk oder einen Kaffee ihrer Wahl aus dem Bordbistro holen..."
Booze to keep me warm on the streets at night? Verlockend, aber immerhin konnte ich mich dann doch noch bis Salzburg durchgschlagen3, wo ich bereits von der liebreizenden Katja erwartet wurde, welche berührt durch mein Schicksal (bzw. gelangweilt durch ihre Heimatstadt) sich in den letzten Zug nach Salzburg schmiß um mich mit einer exklusiven Führung des Salzburg bei Nacht zu vertrösten. Von dort ging's um 8 Uhr heimwärts, summa summarum eine Expedition von 72 Stunden, wovon lediglich 10 à pied durch schwedische Städte bestritten wurden.
Immerhin. Eine der besten Mahlzeiten des Jahres.
1) vorzugsweise außerhalb der Grenzen des eigenen Heimatlandes...
2) Kudos where kudos deserved: Was spontane Fahrplanauskünfte betrifft kann ich mich vor Herrn Richard Hatesong nur verneigen. Danke!
3) Kudos where kudos deserved, Part 2: Zwischenzeitlich sah es kurz danach aus als würde sich Zugmöglichkeit nach Simbach auftun. Dem war dann zwar nicht so, jedoch hätten mich die ehrenwerten Stefan und Nasch Rika vermutlich sogar von Mühlbach (Inn) geholt, wenn ich sie lieb darum gebeten hätte. Auch hier, vielen herzlichen Dank!